8. Kompolize Winter 2016

Enrico

Preisträger des 8. Kompositions­wettbewerbs Kompolize Winter 2016 war Enrico Minaglia mit seinem Werk La distanza della Luna (Die Entfernung des Mondes). Die Uraufführung fand am 7. Februar 2016 in der Lindenkirche in Berlin-Wilmersdorf und am 12. Februar 2016 im Konzertsaal der Universität der Künste (Hardenbergstraße) in Berlin statt.

Enrico Minaglia, geboren 1980 in Bologna, studierte Komposition bei Alessandro Sbordoni und Dirigieren bei Marcello Bufalini am Casella-Konservatorium in L'Aquila. Er setzte seine Studien am Verdi-Konservatorium in Mailand bei Fabio Vacchi und Alessandro Solbiati fort. Weiterhin studierte er Filmmusik bei Luis Bacalov, Carlo Crivelli und Ennio Morricone. Zuletzt absolvierte er ein Philosophiestudium an der Universität La Sapienza in Rom, wo er heute lebt.

Bereits während des Studiums komponierte Enrico Minaglia Soundtracks für Kurz- und Dokumentarfilme von jungen Regisseuren. Seit 2010 arbeitet er als Arrangeur, Orchestrator und Dirigent mit dem Komponisten Andrea Farri zusammen, es entstanden zahlreiche Soundtracks für Film, Fernsehen und Theater. Daneben schrieb er Bearbeitungen von italienischen Opern für kleine Besetzung, von denen bisher Il Trovatore und Turandot bei Ricordi erschienen sind.

Sein Werk La distanza della Luna (2013) beschreibt Enrico Minaglia so:

La distanza della Luna ist von der gleichnamigen Kurzgeschichte des berühmten italienischen Schriftstellers Italo Calvino inspiriert. Diese spielt in grauer Vorzeit, in der nur wenige Meter Mond und Erde voneinander trennen. Angezogen durch die Gravitation des Erdtrabanten fliegen Fische, Quallen, Tang und all die anderen Kreaturen des Meeres sanft im Schein des Vollmonds über dem Wasser umher. Des Nachts fahren Fischer mit ihren Familien auf die See hinaus, wo sie spielen, singen und Fische aus der Luft fangen. Dann lehnen sie eine Leiter an den Mond und krabbeln herüber.

Die Frau des Kapitäns ist sehr schön und verdreht allen den Kopf. Sie hat sich in einen der Fischer verliebt, doch der ist mondsüchtig und ignoriert ihre Avancen. Sie spielt auch sehr schön Harfe, und auch sie steigt auf den Mond. Die Geschichte findet ein jähes Ende, als sich der Mond immer weiter entfernt, um dorthin zu gelangen, wo er heute ist. Die verliebten Fischer schaffen es gerade noch auf die Boote. Die schöne Kapitänsfrau indes bleibt ganz alleine mit ihrer Harfe auf dem Mond zurück, denn nur dort ist ihr die Aufmerksamkeit des mondsüchtigen Fischers gewiss.

In La distanza della Luna treffen zwei musikalische Welten aufeinander – Mond und Erde, jede mit ihrer eigenen harmonischen, klanglichen und melodischen Aura. Nach der Fanfare zu Beginn spiegeln sich die blendenden Strahlen der Abendsonne in gegensätzlichen Klangfarben auf den sich gegenüberstehenden Himmelskörpern. Die Meerestiere springen aus dem Wasser und tanzen im Mondlicht. Die Boote tauchen auf, die Frau des Kapitäns greift in die Saiten, und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

In der klassischen Symbologie wird der Mond als kalter, silbriger, unwirtlicher Himmelskörper assoziiert, der einen magischen Einfluss auf Mensch und Natur ausübt. Demgegenüber erscheint die Erde als verlässlicher, warmer, reicher und sicherer Ort. Dieser verbreiteten Vorstellung folgend lege ich der kompositorischen Darstellung der Erde ein sogenanntes pitch set, eine festgelegte Tonreihe zugrunde. Der Mond wiederum wird von acht gewissermaßen rotierenden pitch sets vertreten. Den warmen Orchesterklängen der Erde – etwa in den tiefen Streichern und dem Blech oder den Holzbläsern mit Doppelrohrblatt (Oboe, Fagott, Englisch Horn) – steht der Mond mit seiner schwebenden, mysteriösen Atmosphäre in kalten, metallischen und unheimlichen Klängen gegenüber.

Wiederkehrende Unisoni teilen das knapp zehnminütige Werk in fünf Hauptbilder: die Fanfare zu Beginn, die Boote im Mondschein, das Liebesduett zwischen Cello und Harfe, die Katastrophe des sich entfernenden Mondes und das Finale.